Selbstverständnis

Selbstverständnis in Einfacher Sprache  

Wir sind eine antirassistische, antifaschistische, antikapitalistische und antikolonialistische Gruppe. Wir arbeiten nicht mit dem Staat und seinen Institutionen zusammen, sofern das überhaupt möglich ist.

Wir stehen gemeinsam gegen den fortlaufenden Genozid und Siedlungskolonialismus in Palästina. Damit fokussiert sich unsere politische Arbeit auf solidarische Praxis und Organisierung zum palästinensischen Befreiungskampf. Das bedeutet gleichzeitig Solidarität mit allen von struktureller Gewalt betroffenen Positionen und damit auch mit allen anti-kolonialen Widerstandskämpfen.

Unsere Organisierung baut sich im Rahmen diskriminierungssensibler Praktiken auf. Unser Ziel ist es hierbei, Teilhabe für alle zu ermöglichen. Dies erfordert aktive Auseinandersetzung mit Diskriminierungs- und Unterdrückungsformen und entsprechendes Handeln, um gegen diese zu arbeiten. Darüber hinaus wollen wir sicherere Räume aufbauen, um Kämpfe in einer gemeinsamen und strategischen Praxis zu verbinden.

Wir schließen keine Person aus, die nicht unsere politische Sprache spricht.

Die inhaltlichen Grundlagen für eine Mitarbeit bei uns sind folgende:

  • Wir verstehen Israel als ein Kolonialprojekt und treten für die Befreiung ganz Palästinas vom Jordanfluss bis zum Mittelmeer sowie für das Rückkehrrecht aller palästinensischen Vertriebenen und ihrer Nachkommen ein.
    • Belege: Siehe (Wolfe, 2006; Pappe, 2006; Khalidi, 2020). 1
  • Wir stehen in voller Solidarität mit dem palästinensischen Befreiungskampf und unterstützen alle Formen des Widerstands gegen koloniale Unterdrückung. 2
  • Wir lehnen die Gleichsetzung von Jüdinnen*Juden mit Israel und politischem Zionismus strikt ab. Diese Gleichsetzung ist antisemitisch!
    • Belege: Siehe (Butler, 2012; Massad, 2006; Karpf, 2019; Zalloua, 2023). 3
  • Wir stehen für bedingungslose internationale Solidarität mit allen von struktureller Gewalt betroffenen Positionen. Dies bezieht sich besonders auf internationale Befreiungskämpfe gegen genozidale/koloniale Strukturen .
    • Belege: Siehe (Samudzi, 2020; Wynter, 2003; Marwecki, 2020). 4
  • Wir lehnen jede Form von Rassismus, Ableismus und andere Diskriminierungsformen und deren Intersektionen ab und arbeiten strukturell, auch innerhalb unserer Organisierung, praktisch gegen diese an. Der Kampf gegen Antisemitismus, gegen anti-palästinensischen, anti-arabischen und anti-muslimischen Rassismus muss gemeinsam geführt werden.
    • Belege: Siehe (Mbembe, 2019; Wynter, 2003; Davis, 2005; Zalloua, 2023).5

Das fordern wir in Bezug auf palästinensische Befreiung:

  • Sofortigen Waffenstillstand und ebenso die sofortige Aufhebung der Blockade Gazas. Waffenstillstand darf nicht bedeuten, zurück zur kolonialen Tagesordnung der Schikane, Drangsalierung, Annexion und Apartheid zu kehren. Wir kämpfen deswegen auch für ein Ende der Besatzung Palästinas!
    • Beleg: Siehe (Karmi, 2023).
  • Selbstbestimmungsrecht für Palästinenser:innen außerhalb kolonialer Logik. 6
  • Sofortige Beendigung der finanziellen, militärischen, politischen und moralischen Unterstützung von und Zusammenarbeit mit Israel durch die Bundesrepublik, sowie wirtschaftlichen und staatlichen Institutionen!
  • Sofortige Beendigung jeglicher Unterstützung von industriellen Komplexen, die sich am Genozid in Palästina beteiligten. Industrielle Komplexe sind hier miteinander verbundene Systeme von industriellen Institutionen, die durch Ausbeutung und Unterdrückung profitiert werden.
  • Sanktionen gegen deutsche Konzerne, die von Ausbeutung durch illegale Besatzung Palästinas profitieren.
  • Sofortige Beendigung der Zensur, Repressionen und Kriminalisierung gegen die Palästina-Solidaritätsbewegung durch den deutschen Staat.
  • Sofortige Beendigung der Unterstützung israelischer Kriegspropaganda durch deutsche Medien und staatliche Institutionen, wie z.B. Universitäten.
  • Anerkennung des aktuellen Genozids in Palästina.
    • Belege: Siehe (Samudzi, 2020; Wolfe, 2006; Pappe, 2006).
  • Befreiung von allen politischen Gefangenen. / Freiheit für alle politischen Gefangenen! 7
  • STOP GENOCIDE & SETTLER COLONIALISM in Palästina und allen weiteren internationalen Ausformungen.
    • Belege: Siehe (Samudzi & Anderson, 2018; Pappe, 2006; Wynter, 2003; Flapan, 1987). 8
  • Die Definition von Antisemitismus der IHRA von 2016 aberkennen, da sie undemokratisch und antisemitisch ist, stattdessen die Jerusalemer Deklaration anerkennen.
    • Beleg: Siehe (Jerusalemer Deklaration zu Antisemitismus, 2021).

Anmerkungen:

1 = Rashid Khalidi z.B. hebt hervor, dass die Vertreibung und Unterdrückung der Palästinenser:innen seit der Gründung Israels Teil eines systematischen kolonialen Projekts ist, das bis heute anhält.

2 = Frantz Fanon (1961) betont in „Die Verdammten dieser Erde“, dass antikolonialer Widerstand eine notwendige Reaktion auf strukturelle und koloniale Gewalt ist. Diese Ansicht wird auch in abolitionistischen Positionen reflektiert, die auf die Abschaffung von Unterdrückungssystemen zielen, die staatliche und koloniale Gewalt legitimieren (Davis, 2005; Kaba, 2021). Zalloua unterstreicht, dass echter Widerstand eine Form der dekonstruktiven Solidarität ist, die die Komplexität von Unterdrückung und den kollektiven Kampf gegen koloniale Gewalt anerkennt. (Zalloua, 2023)

3 = Sowohl werden hier Jüdinnen*Juden kollektiv für die Handlungen des israelischen Staates verantwortlich gemacht als auch das Judentum auf eine nationale und politische Ideologie reduziert. Judith Butler argumentiert in „Parting Ways: Jewishness and the Critique of Zionism“, dass diese Gleichsetzung antisemitische Stereotypen verstärkt und die Vielfalt jüdischer Identitäten ignoriert. Joseph Massad hebt hervor, dass diese Gleichsetzung ein strategisches Mittel ist, um Kritik an Israel als antisemitisch zu delegitimieren und somit auch den jüdischen Antizionismus zu marginalisieren. Zahi Zalloua betont, dass diese Reduktion der jüdischen Identität auf Zionismus eine Form von epistemischer Gewalt darstellt, die auch jüdischen Dissens erstickt.

4 = Daniel Marwecki betont in seinen Arbeiten die Komplizenschaft westlicher Staaten mit israelischen Kolonialprojekten und die Notwendigkeit eines strukturellen Widerstands.

5 = Zalloua argumentiert, dass die Bekämpfung intersektionaler Formen von Rassismus ein zentraler Bestandteil des dekolonialen Kampfes ist, der die Komplexität von Unterdrückung und Widerstand anerkennt.

6 = Dies bedeutet auch, die Legitimität des Widerstands zu wahren, wie sie von palästinensischen Aktivist:innen und Theoretiker:innen betont wird, die das koloniale Narrativ der Legitimität hinterfragen (Spivak, 1988).

7 = Diese Forderung reflektiert abolitionistische Positionen, die sich für die Abschaffung von Gefängnissystemen einsetzen, die als Instrumente kolonialer und staatlicher Gewalt betrachtet werden (Davis, 2005; Kaba, 2021).

8 = Simha Flapan beschreibt in seiner Analyse die Mythen, die das Narrativ der israelischen Staatsgründung umgeben und hebt die Notwendigkeit auf, diese Narrative zu dekonstruieren.    

Belege:

Samudzi, Z., & Anderson, W. C. (2018): As Black as Resistance: Finding the Conditions for Liberation. (Link)

Wolfe, P. (2006): Settler Colonialism and the Elimination of the Native. (Link)

Pappe, I. (2006): The Ethnic Cleansing of Palestine. Pappe beschreibt die systematischen Vertreibungen und Massaker, die die Gründung Israels begleiteten, und betrachtet diese als Teil eines andauernden kolonialen Projekts. (Link)

Khalidi, R. (2020): The Hundred Years’ War on Palestine: A History of Settler Colonial Conquest and Resistance. Khalidi beleuchtet die Geschichte des palästinensischen Widerstands gegen den Kolonialismus. (Link)

Spivak, G. C. (1988): Can the Subaltern Speak? Spivak diskutiert die Schwierigkeiten, marginalisierte Stimmen im kolonialen Diskurs zu artikulieren und betont die Bedeutung des Widerstands außerhalb kolonialer Machtstrukturen. (Link)

Zalloua, Z. (2023): Solidarity and the Palestinian Struggle: Decolonization and Collective Action. Zalloua analysiert die Bedeutung von Solidarität im antikolonialen Kampf.

Flapan, S. (1987): The Birth of Israel: Myths and Realities. Flapan dekonstruiert die Gründungsmythen Israels und beleuchtet die koloniale Natur der Staatsgründung.

Karmi, G. (2023): One State: The Only Democratic Future for Palestine-Israel.

Marwecki, D. (2020): Germany and Israel: Whitewashing and Complicity. Marwecki untersucht die westliche Unterstützung für Israel und deren Einfluss auf palästinensische Widerstandsbewegungen. (Link)

Butler, J. (2012): Parting Ways: Jewishness and the Critique of Zionism. Butler analysiert die Problematik der Gleichsetzung von Judentum mit Zionismus und betont die Notwendigkeit, jüdische Identitäten unabhängig von Staatsideologien zu betrachten.

Massad, J. (2006): The Persistence of the Palestinian Question: Essays on Zionism and the Palestinians. Massad beschreibt die historische und ideologische Konstruktion des Zionismus und die problematische Vermengung mit jüdischer Identität, die antisemitische Denkmuster verstärken kann.

Karpf, A. (2019): Why Criticism of Israel is Not Antisemitic. Karpf argumentiert, dass die Gleichsetzung von Judentum und Zionismus ein Fehler ist, der antisemitische Vorstellungen von Kollektivschuld fördert und die Rechte jüdischer Menschen, ihre politischen Positionen zu differenzieren, einschränkt.

Davis, A. (2005): Abolition Democracy: Beyond Empire, Prisons, and Torture. Davis argumentiert für die Abschaffung von Systemen der Inhaftierung und staatlichen Gewalt, die auch auf den palästinensischen Kontext anwendbar sind. (Link)

Kaba, M. (2021): We Do This ‚Til We Free Us: Abolitionist Organizing and Transforming Justice. Kaba diskutiert abolitionistische Ansätze, die auch als Antwort auf koloniale Unterdrückung und Gefängnissysteme verstanden werden können. (Link)

Jerusalemer Deklaration zu Antisemitismus (2021). (Link)

Wynter, S. (2003): Unsettling the Coloniality of Being/Power/Truth/Freedom: Towards the Human, After Man, Its Overrepresentation—An Argument. Wynter kritisiert die eurozentrische Konstruktion des Menschseins und fordert eine Neubewertung der Menschlichkeit jenseits kolonialer Denkmuster. (Link)

Mbembe, A. (2019): Politik der Feindschaft. (Link)

Samudzi, Z. (2020): Beyond the Holocaust: Critical Reflections on Genocide. (Link)